Horb · Historie
: Die Entdeckung der Pünktlichkeit: Nachtwächter und ihre Kontrolluhren

Die Horber Nachtwächterkontrolluhrensammlung dokumentiert das Werden einer deutschen Tugend. Nun gehört auch ein Kartenapparat dazu. Gastbeitrag von Joachim Lipp
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Gastbeitrag von Joachim Lipp
Horb

Zur beachtlichen Kontrolluhrensammlung der Horber Nachtwächter gesellte sich jüngst zu einer Mutteruhr (links) und einem Radialapparat noch ein Kartenapparat Modell K29 (rechts), der von Bruno Springmann und Heinrich Raible aufgearbeitet wurde. Privatbild: Heinrich Raible

Nicht gesetzt

Mit einem Radialapparat, einem jüngst erworbenen Kartenapparat und einer Mutteruhr, die allesamt in der Württembergischen Uhrenfabrik Bürk & Söhne produzierten worden sind, belegt die Kontrolluhrensammlung der Horber Nachtwächter, dass die Pünktlichkeit eine Erfindung des 19. Jahrhunderts ist.

Bevor die Zeitkontrolle in den Fabriken Einzug hielt, wendete man sie im öffentlichen Dienst an. Schon zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde in vielen Amtsstuben eine ortsfeste Kontrolluhr eingeführt, in die eine Kennmarke eingeworfen werden musste. So konnte man feststellen, ob der Dienstantritt pünktlich geschah und die Kontrollgänge von Polizisten und Wächtern ordnungsgemäß vollzogen wurden. Diese, mit hohem Aufwand verbundenen, stationären Kontrolluhren verloren ihre Bedeutung als der Schwenninger Ratsschreiber Johannes Bürk deren Funktionsprinzip umkehrte und dem Wächter die Uhr mit auf den Weg gab.

Mit seiner 1855 auf den Markt gebrachten tragbaren Kontrolluhr machte Bürk die Nachtwächter zu kontrollierten Kontrolleuren, die einen an bestimmten Stationen befestigten Markierschlüssel in die Uhr stecken und betätigen mussten. Der hierbei in einen Papierstreifen erzeugte Einstich dokumentierte das Pflichtbewusstsein des Nachtwächters. Das Wort „Stechuhr“ wurde so zur Metapher für die Zeitkontrolle.

Bürk lebte zuvor mit seiner Familie von 1845 bis 1847 in Horb, arbeitete als Redakteur für Horbs erste Zeitung „Die Laterne im Schwarzwald“ und erhielt hier für einen von ihm entwickelten Baumhöhenmesser seine erste Patenturkunde. Mit der Erfindung der tragbaren Nachtwächterkontrolluhr schuf er am Beginn des Industriezeitalters den mechanischen Aufseher und Urtyp aller nachfolgenden Arbeitszeiterfassungsgeräte.

Wer nicht richtig tickte,flog raus

Nach Karlheinz Geißler, einem emeritierten Professor für Wirtschaftspädagogik, wird der Mensch nicht pünktlich geboren, stirbt nicht pünktlich, sondern er muss pünktlich gemacht werden. Im Zeitalter der Industrialisierung erhielt der Takt der Uhrzeiger eine immer größere Bedeutung. Die Zeit wurde zur neuen Leitwährung des Kapitalismus. Kontrolluhren trugen wesentlich dazu bei, die Pünktlichkeit als Tugend des Industriezeitalters zu etablieren, denn wer nicht richtig tickte, flog raus. Für den französischen Monarchen Ludwig XVIII. galt die Pünktlichkeit als Höflichkeit der Könige. Für den Philosophen Friedrich Nietzsche schwieg dagegen jegliche Natur „beim Tiktak von Gesetz und Uhr“. Zu seinen Lebzeiten wurde mit der einsetzenden Massenproduktion von mechanischen Chronometern die Uhrzeit allgegenwärtig. Damit verloren für Nietzsche „der Sterne Lauf, Sonn’, Hahnenschrei und Schatten“ ihre Bedeutung, was einst die Zeit verkündete, wurde für ihn „stumm, taub und blind“.

Das Diktat der Pünktlichkeit kam nicht mit der Uhr, sondern mit der Industrialisierung und den Eisenbahnen unentrinnbar in die Welt. Das präzise Einhalten der Pünktlichkeit entspricht laut der Kulturgeschichte der Zeitwahrnehmung freilich nicht der menschlichen Zeitnatur. Zunächst war der in den Fabriken ihr Auskommen suchenden Landbevölkerung die kollektiv erforderte Disziplin fremd. Die arbeitsteiligen Produktionsprozesse verlangten jedoch Koordination und beanspruchten von der Arbeitnehmerschaft die Unterwerfung unter eine Zeitdisziplin. Eine Kontrolle sorgte dafür, dass die viel gerühmte deutsche Pünktlichkeit als Lebenskonzept antrainiert wurde.

Pünktlichkeit wurde zur Norm und Verspätung zur Abweichung, die durch entsprechende Regeln in den Fabrikordnungen bestraft wurde. Die Stechuhr etablierte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als unverzichtbares Instrument in der Arbeitswelt und das Stempeln gehörte zur Normalität im Arbeitsalltag. Die Stechuhr und nicht nur die Dampfmaschine wurde zur wichtigsten Maschine des Industriezeitalters.

Neue Arbeitsbedingungen ließen den Erfindergeist aufblühen. Anstelle der Nachtwächter rückte eine größere Zielgruppe ins Visier der Kontrolluhrenindustrie, denn es galt nun die Arbeiter und Angestellten an das Hier und Jetzt, an Raum und Zeit sowie an Fabrik und Arbeitsdauer zu binden.

Zeiterfassungsmonopol IBM:

Konkurrenz aus den USA

Richard Bürk, zweitältester Sohn des Firmengründers Johannes Bürk, entwickelte 1879 den ersten „Arbeiter-Kontrollapparat“, der ermöglichte, Arbeitszeitkonten kurz hintereinander mechanisch zu erfassen. Doch er war nicht der einzige, dem Patente zur Arbeitszeiterfassung erteilt worden waren. Konkurrenz kam vor allem aus den USA, wo sich durch den Zusammenschluss mehrerer Firmen ein mächtiges Zeiterfassungsmonopol bildete, dessen Firmenname 1924 in „International Business Machines“ (IBM) geändert wurde.

Trotz der Verkaufserfolge der als „Billeteur“ bekannt gewordenen Kontrolluhr aus der Württembergischen Uhrenfabrik erkannte Richard Bürk die Gefahr, die durch die amerikanische Konkurrenz drohte und entschloss sich, das Angebot einer Lizenzfertigung anzunehmen. Seit dem Jahr 1900 produzierte die Württembergische Uhrenfabrik Bürk & Söhne Anwesenheitskontrollapparate zunächst in Lizenz, bis im Jahr 1924 die amerikanischen Patentrechte ausliefen. Der Name Bundy verschwand vom Zifferblatt und die Württembergische Uhrenfabrik war größter deutscher Kontrolluhrenhersteller.

Bald kamen aber Wettbewerber hinzu, die alle vor der Haustür am angestammten Firmenstandort Schwenningen saßen: Isgus, Benzing, Jauch & Schmid, Emes und Jakob Palmtag. Große Firmen wie Siemens, Telefonbau & Normalzeit und Standard Elektrik Lorenz bezogen Zeiterfassungsprodukte von diesen Schwenninger Firmen zum Weiterverkauf unter eigenem Namen. Da in Sachen Anwesenheitskontrolluhren eine große Nachfrage bestand, war für alle Firmen ein genügend großer Markt vorhanden. Zu den Großabnehmern zählte die Essener Friedrich Krupp AG, die einst über annähernd 600 Kontrollapparate aus dem Hause Bürk verfügte.

Bei den sogenannten Stechuhren wurde der papierne Datenträger aber nicht wie bei den Nachtwächterkontrolluhren gelocht, sondern gestempelt. Ein Schlüssel beziehungsweise eine in die Uhr geworfene Marke löste den Stempelvorgang aus, bei dem die Uhrzeit auf einem Papierstreifen protokolliert wurde. Beim Radialapparat stach der Arbeiter mit der Spitze des Hebels in die Vertiefung ein, die zu seiner Nummer gehörte. Im Inneren der Uhr wurde dadurch der Beginn und beim zweiten Mal das Ende einer Schicht auf Papier gedruckt. Beim vornehmeren Einschreibeapparat wurde der Name von Hand auf eine Papierrolle geschrieben und durch Betätigung eines Hebels die aktuelle Uhrzeit auf den Streifen gestempelt.

Am Funktionsprinzipänderte sich nichts

Der jüngst von den Nachtwächtern erworbene und in der Gemeinde Münster (Hessen) abgeholte Kartenapparat mit dem Modellnamen K29 wurde von der Firma Bürk von 1929 bis 1974 hergestellt und vertrieben. Der Arbeiter holte seine persönliche Stempelkarte aus dem Kartensteckbrett, führte sie in die Uhr ein und löste dann durch Betätigung des Stempelhebels den Stempelvorgang aus. Auf der Karte wurde die Uhrzeit auf das für diesen Tag vorgesehene Feld gestempelt. Die Uhr besitzt einen Selbstaufzug, denn bei jedem Stempelvorgang zieht sich die Uhr etwas auf. Außer in den Betriebsferien musste die Uhr bei genügend großer Belegschaft nie aufgezogen werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgten in der Wirtschaftswunderzeit die wesentlichen konstruktiven Änderungen des Kartenapparats, die letztlich zum erfolgreichen Modell K55 führten, das von 1955 bis 1990 hergestellt wurde. Am Funktionsprinzip änderte sich allerdings nichts. Der Kartenapparat wurde nun von einer präzisen Mutteruhr elektrisch taktgesteuert, das Holzgehäuse durch ein Metallgehäuse ersetzt und das Stempelwerk elektrisch betrieben.

Keine Räume, keine Ausstellung

Die Kontrolluhrensammlung der Horber Nachtwächter dokumentiert eindrucksvoll die Entdeckung der Pünktlichkeit und die Entstehung einer typisch deutschen Tugend. Die von Joachim Lipp, Heinrich Raible und Bruno Springmann zusammengetragenen Kontrolluhren zählen sicher zu den verborgenen Schätzen Horbs.

„Derzeit kann die nicht alltägliche Sammlung wegen fehlender Räumlichkeiten und vielleicht auch ein bisschen Horber Ignoranz nicht öffentlich ausgestellt werden“, schreibt Joachim Lipp.